”Der letzte Rauch” – Nietzsches Metaphysikkritik und der Perspektivismus.

Af Jørgen Hass.

Bekanntlich ist seit Mitte des neunzehnten Jahrhunderts von den Bedeutendsten Philosophen eine ganze Reihe von Totenscheinen ausgestellt worden: man hat nicht nur vom ”Tode Gottes” oder vom ”Ende der Kunst” gesprochen, sondern auch vom Tode des Subjekts, der Geschichte (insbesondere der des Fortschrittes), vom Tode der Groben Erzählungen (beispielsweise der politischen Ideologien oder der wissenschaftlichen Erklärungsmuster), und Michel Foucault hat provokatorisch behauptet, dass selbst der Mensch eine Erfindung des achtzehnten Jarhunderts sei, auberdem eine mangelhafte, und dass es heute mit dem Humanismus vorbei sei. Vergegenwärtigen wir uns Nietzsches kleine Fabel von der Menschwerdung des Menschen:

In irgendeinem abgelegenen Winkel des in zahllosen Sonnensystemen flimmernd ausgegossenen Weltalls gab es einmal ein Gestirn, auf dem kluge Tiere das Erkennen erfanden (III 309; vgl. III 271).

Aufgrund dieser Erfindung des Erkennens bilden die klugen Tiere sich ein, etwas mehr als Tier geworden zu sein, eben Mensch, ”diese wahnsinnige traurige Bestie” (II 833). Und ”der stolzeste Mensch, der Philosoph, <meint> von allen Seiten die Augen des Weltalls teleskopisch auf sein Handeln und Denken gerichtet zu sehen” (III 309). Damit ensteht die vermeintliche Erkenntnis, dass der Mensch das Zentrum und der Herr dieser Welt sei. Kraft seiner Vernunft erhebt sich das kluge Tier über den Zufall seines Lebensschicksals, lenkt seinen Willen und den Gang der Geschichte. Hatte der Mensch früher, in einer ”vorwissenschaftlichen” Zeit, sich bemüht, den Charakter des Zufalls in künstlerischer Form ästhetisch zu beseitigen, durch die Mythen, die die Kontingenz des Lebens dadurch zu bewältigen versuchten, dass sie das, was einem widerfährt, als geschichtliche Wiederkehr eines zeitlosen und somit ewigen Grundmusters interpretierte, gibt der Mensch nun, wo er ”klug” geworden ist, die alten Mythen preis und setzt an ihre Stelle die Vernunft, d.h. Philosophie, Wissenschaft und Moral. Der Name dieser selbstverherrlichenden Autobiographie des klugen Tieres ist ”Humanismus”; in dem damaligen klassischen Bildungshumanismus sieht der Altphilologe Nietzsche nicht nur ein typisches Beispiel mabloser Selbstverblendung, sondern auch schon den Anfang des Nihilismus.

Als Kritiker des Humanismus (und der Demokratie) ist Nietzsche einer der wichtigsten in der Geschichte der Philosophie seit Platon, und daraus erklärt sich sowohl seine stark heroisierende Interpretation der griechischen Tragödie als auch sein zwiespältiges Sokratesbild; ein Bild, das (wie mir scheint) sich am besten als Ausdruck seiner eigenen Ambivalenz verstehen lässt. Diese Ambivalenz gilt vor allem der sokratischen Rationalität, als Ursprung der Moderne, die Nietzsche bald als "”subjektivistischen” Verlust einer Mythengemeinschaft, die den Alten Orientierungshilfe bot, entlarvte, bald ihr als Vorbild aller Traditionskritik huldigt (z.B. III 337). Nietzsches Ambivalenz gilt aber auch einem Thema, das unter seinen Zeitgenossen viel erörtert wurde, und das in der Literaturgeschichte unter dem Titel querelle des anciens et des modernes geläfig worden ist, also dem Streit um die Frage, ob die Tragödie als Kunstform noch dem reflektierteren Zeitalter der Moderne angemessen sei, und um die jeweiligen Vorzüge der klassischen und der ”romantischen” Tragödie. Nietzsche hat sich früh an diesem Streite beteiligt, besonderns als er noch Anhänger Wagners war und von einer Wiedergeburt der Tragödie aus dem Geiste der – neuen – Musik träumte. Unter dem Einfluss Schopenhauers, der die Musik für die eigentliche, wahre Metaphysik hielt, mag Nietzsche sich übrigens auch die Möglichkeit eines ”Philosophenkünstlers” oder ”Dichterphilosophen” (so wie er selbst einer Wurde) vorgestellt haben. Mich interessiert diese kunsttheoretische Frage hier nur insofern sie den Hintergrund bildet, auf dem sich Nietzsches Metaphysikkritik entfaltet. Dazu gehe ich jetzt über.

Ich habe bereits erwähnt, dass der Mythos den Zufälligkeitscharakter unseres Lebens dadurch beseitigt, dass er ein Ereignis im Leben als geschichtliche Wiederholung eines mythischen Urbildes versteht und damit in etwas Notwendiges transformiert: es passiert einem etwas, weil es so – als Schicksalsnotwendigkeit – geschehen musste. Nietzsche bemerkt einmal, dass wir nicht zulassen wollen, ”dass unsere Existenz einer gedankenloser Zufälligkeit gleiche” (I 289). Das mythische Denken bietet die Gewähr dafür, dass Welt und Dasein sinnvoll sind. Indem aber das mythopoietische Denken von einer neuen Denkweise, der der sokratischen Dialektik, allmählich verdrängt wurde, entstand das Bedürfnis diesen Sinnverlust durch rationales Denken, durch ”Philosophie” zu ersetzen. Die klugen Tiere, die das Erkennen erfanden, kompensieren mit ihrem Intellekt den Verlust einer bisher verbindlichen Weltauslegung – ein Verlust, der paradoxerweise durch Platons Abneigung gegen die Rhetorik und durch seine dialektischen ”Spitzfindigkeiten” zustande gekommen ist. Trotzdem bleibt das philosophische Denken in einer bestimmten Hinsicht dem Mythos verhaftet: es übernimmt den Reduktionismus, indem es die Vielfalt der Welt auf Wiederholungen identischer Idealtypen zurückführt. Erkennen heibt sowohl im mythischen wie im rationalen Denken Wiedererkennung eines Vor- oder Urbildes. Platon hat, wie man weib, diese Urbilder Ideen oder Formen genannt. Von den mythischen Urbildern unterscheiden sie sich aber vor allem dadurch, dass sie aubersinnlichen Ursprungs sind, d.h. dass sie nur der Vernunft zugänglich sind. Sie gehören einer anderen Welt an, der ”wahren” Welt des absoluten Seins, und entziehen sich jeder sinnlichen Darstellung. Indem Platon so die Grundbedingungen aller Erkenntnis in einer Hinterwelt jenseits der raumzeitlichen Welt des Werdens als wahrnehmungsunabhängige Entitäten hypostasiert, ist er der eigentlichen Vater der Metaphysik. Insofern alle spätere Metaphysik nur verdünnter Platonismus ist – auch das Christentum ist nur ”Platonismus fürs Volk” (II 566) – zeigt sich an ihm der Erbfehler der Metaphysik. Nietzsche charakterisiert in Menschliches, Allzumenschliches die Metaphysik folgendermaben: sie ist ”die Wissenschaft <…> welche von den Grundirrtümern des Menschen handelt – doch so, als wären es Grundwahrheiten”.

Als Beispiel von Nietzsches sogenanntem ”Umwertungsprogramm” zeigt sich hier als charakteristisches Merkmal, dass Nietzsche nicht einfach die Metaphysik als überflüssig beiseite schiebt. Er korrigiert ihr Selbstverständnis. In der Metaphysik werden die Grundirrtümer des Denkens sichtbar, aber ohne Bewusstsein ihrer Irrtümlichkeit. Im Gegenteil, sie werden als Grundwahrheiten vorgestellt, d.h. als notwendige Wahrheiten, die aller Erkenntnis zugrunde liegen. Worin besteht diese Notwendigkeit? Der Metaphysiker, also: der Philosoph, bildet sich irrtümlicherweise ein, dass ihre Notwendigkeit darauf beruht, dass die Sache nicht anders sein kann, was besagt, dass er diese ”Wahrheiten” als ontologische Seinsprinzipien deutet, als schlichte Abbildung einer an sich bestehenden ”ewigen” Weltordnung. Die Metaphysik gibt ein Bild der Welt in Begriffen wieder oder – theologisch gesprochen – die Metaphysik spiegelt die göttliche Schöpfungsordnung im Medium rationalen Denkens ab. Der Metaphysiker übersieht dabei zwei wichtige Momente. Erstens setzt er voraus, dass es eine an sich bestehende Weltordnung überhaupt gibt, die blob richtig – so wie sie ist – abgebildet werden kann und soll; wahre Erkenntnis sei nur getreue Abbildung im Bewusstsein. Zweitens übersieht er, dass er dabei ein besonderes Bild der Welt (also eine bestimmte Vorstellung vom Seienden) dadurch verteidigt, dass er dieses ”Bild” oder diese Weltdeutung als ”Tatsache”, als wahres Wissen legitimiert. Was dabei nicht zum Bewusstsein kommt, ist mit anderen Worten folgendes: der Metaphysiker bildet sich ein, dass die Welt schon sinnvoll sei und dass die Notwendigkeit, die darin besteht, die Welt sich nicht anders denken oder worstellen zu können, als er es tut, zu der Annahme berechtigt, dass die Welt auch wirklich so geordnet sein muss, wie es die Denknotwendigkeit verlangt, d.h. dass der Philosoph die ”praktische” Notwendigkeit einer Weltanschauung oder eines Weltbildes für unser Handeln und Wollen im Leben in eine theoretische Notwendigkeit umdeutet und mit ”Wissenschaft” verwechselt (erstgenannter Punkt). Weiterhin kommt nicht zum Bewusstsein, dass der Metaphysiker sich schon in einem Streit oder Kampf zwischen Weltauslegungen befindet, indem er behauptet, dass die ”wahre” Erkenntnis in reiner Vernunft gründet und daher für alle Vernunftwesen allgemein verbindlich sei. Durch die Optik der Wissenschaft ergibt sich eine Universalperspektive auf die Welt (zweiter Punkt). Zusammenfassend besagt all dies, dass der ”Grundirrtum” der Metaphysik darin besteht, dass sie ihren Ursprung und ihre Fundamente im Un – oder Vorbewussten hat, in dem Willen zur Macht, und keineswegs in einer Vernunft, die in der Philosophie denkend zum Bewusstseinkommt. Der Ursprung der Metaphysik als Erkenntnis ”aus reiner Vernunft”, wie Kant sagte, bleibt der Vernunft fremd. Insofern die Moral ihre theoretischen Fundamente Nietzsche zufolge in der Metaphysik suche, hat diese Kritik auch Konsequensen für die Moral, die ich hier nicht erörtern werde.

Nietzsche wütet gegen die Metaphysik (so wie gegen die Philosophie überhaupt, wie namentlich aus Jenseits und Götzendämmerung zu ersehen ist), und wer wütet, äubert sich nicht immer sorgfältig; ich bin mit Günther Figal darin einig, dass es Sätze gibt – und zwar auch über die Philosophie! – ”die Nietzsche besser nicht geschrieben hätte”. Er schiebt mit Schrotflinte, und dann trifft man immer etwas, wenn auch nicht immer sein Ziel. Von den vielen Argumente, die er gegen die Metaphysik abfeuert, seien hier nur zwei erwähnt, die (wie ich finde) in innerer Verbindung miteinander stehen: (i) die Philosophie (Metaphysik) leugnet das Perspektivische aller Erkenntnis und (ii) der metaphysische Idealismus sei als ”der letzte Rauch einer verdunstenden Realität” aufzufassen. Ehe ich zu Erläuterung dieser beiden Thesen übergehe, sei mir ein kurzer Hinweis auf die Philologie gestattet, in der der Junge Nietzsche ausgebildet worden war. Um 1830 hatte der deutsche Philologe Karl Lachmann die sogennante genealogische Methode als Hilfsmittel für die Textkritik entwickelt. Wenn ein (antiker) Text in mehreren Abschriften – Varianten – vorligt, dessen Original aber verlorengegangen ist, muss der ursprüngliche Wortlaut, die Urschrift, aus den Varianten rekonstruiert werden. Lachmann versuchte die Variante in einem ”Stammbaum” (stemma) dadurch zu ordnen, dass er ihre wechselseitigen Abhängigkeitsverhältnisse, Datierung und Echtheit untersuchte, um den ”authentischen” Text zu etablieren. Die so rekonstruierte Urschrift, die den künftigen Gelehrten zum Lesen und Interpretieren angeboten wurde, erwies sich somit selbst als eine auf Interpretation basierte Konstruktion – nicht nur wie man den Text liest, sondern auch der Text, den man liest, ist Interpretation; ”hinter” den Lesarten der Varianten gibt es keinen Urtext mehr, dessen ”tatsächlicher” Wortlaut unmittelbar festgestellt werden könnte. Wenn Nietzsche später behauptet, dass es keine Tatsachen, ”kein Faktum ’an sich’” gibt, sondern nur ”Interpretationen” (z.B. III 903), mag er diese textkritische Fragestellung im Kopfe gehabt haben. Ich führe das Beispiel deshalb an, weil Nietzsche (wie mir scheint) diese hermeneutischen Modelle auf die Erkenntnis im Algemeinen übertrug – freilich ohne die Parallele zu nennen, geschweige denn begründen zu wollen.

Ich füge zwei Überlegungen hinzu. In der philologischen Textredaktion kommt es auf den Sinn an. Die überlieferten Manuskripte mit ihen Shcriftzeichen liegen zwar als ”Tatsachen” vor, sind aber nur ”Text” oder ”Schrift”, insofern sie sich beim Lesen als Bedeutungsträger erwiesen, d.h. insofern sie irgenwie als sinnvoll verstanden werden können. Ohne Deutung ihres Sinnes versteinern sie sozusagen zu bloben Wahrnehmungsobjekten und bleiben stumm. Sie müssen lesbar, interpretierbar sein, um als Texte verstanden werden zu können. Dies leistet die Sprache. Wenn Nietzsche eine enge Verbindung zwischen Metaphysik und Grammatik behauptet – die Grammatik sei ”VolksMetaphysik” (II 222) – und erklärt, ”Ich fürchte, wir werden Gott < den höchsten Gegenstand der Metaphysik> nicht los, weil wir noch an die Grammatik glauben” (II 960), spricht hier die Parallele zwischen Philologie und Philosophie – und auberdem das Erbe der damaligen Sprachtheorie der Romantik, die in den Sprachen den Ausdruck einer Welt- und Lebensanschauung zu finden glaubte, wie z.B. bei Wilhelm von Humboldt. Überdies glaubt der Logiker und Metaphysiker Nietzsche zufolge, dass die Welt mit rational-begrifflichen Mitteln interpretierbar sei, weil Sinn- und Seinsstruktur im Begriff zusammenfielen, d.h. dass die Notwendigkeit, sich etwas nicht anders denken zu können, die Notwendigkeit des Nicht-anders-sein-könnens impliziert. Zur Erläuterung führe ich ein Beispiel Nietzsches an:  

Es ist alles ”subjektiv” sagt ihr: aber schon das ist auslegung. Das ”Subjekt” ist nichts Gegebenes, sondern etwas Hinzu-Erdichtetes, Dahinter-Gestecktes. – Ist es zuletzt nötig, den Interpreten noch hinter die Interpretation zu setzen? Schon das ist Dichtung, Hypotese. Soweit überhaupt das Wort ”Erkenntnis” Sinn hat, ist die Welt erkennbar: aber sie ist anders deutbar, sie hat keinen Sinn hinter sich, sondern unzählige Sinne. – ”Perspektivismus”. Unsere Bedürfnisse sind es, die die Welt auslegen; unsere Triebe und deren Für und Wider. (III 903)

Kurz gesagt: weil unsere – indoeuropäischen – Sprachen eine bestimmte grammatische Struktur besitzen, die prädikative Form <Subjekt-Prädikatsform>, interpretieren wir die Welt in den metaphysichen Begriffen ”Subjekt” und ”Objekt” und unterstellen den Verbalhandlungen ein aktives Subjekt, das als substantielle Entität der jeweiligen Handlung einheitlich zugrunde liegt, z.B.: Ich sehe etwas, denke etwas, will etwas – also muss es ein Ich geben (und zwar ein bewusstes) dass dies Etwas (das Objekt) sieht, denkt oder will. Hinter dem Sehen, Denken und Wollen steckt, wie man meint, ein ”Täter” – die Seele, das Bewusstsein, der Wille.

Dies leitet zu meiner zweiten Überlegung über: wenn der Philologe um den richtigen Wortlaut eines Textes besorgt ist, dann ursprünglich meistens deshalb, weil der Text – z.B. die Bibel oder ein Gesetzbuch – Autotität besitzt. Daher muss der autentische Wortlaut, die richtige Interpretation festgestellt und gesichert werden. Wir interpretieren die Welt – legen ihr einen Sinn bei – um in ihr leben und handeln zu können. Die Perspektive, die wir an eine Sache legen, die Optik, durch welche wir sie sehen, wird für unsere Interpretation in gewissen Grenzen mabgebend. Wenn mehrere Interpretationen möglich sind, dann deshalb, weil es mehrere Perspektiven gibt. Und wenn es mehrere Perspektiven gibt – und nicht nur die eine, absolute Universalperspektive der Metaphysik – dann weil jede Perspektive nur eine bedingte und begrenzte ist und sein kann. Ein nicht-perspektivisches Sehen ist nicht blob im buchstäblichen, sondern auch im existentiellen Sinn perspektiv-los, überdies schlechthin unmöglich: wir erkennen nicht ”um der Wahrheit willen”, sondern um leben zu können – und ”Leben heisst Wille zur Macht und nichts ausserdem!”. Der Wille zur Macht, der unseren Affekten zugrunde liegt und deshalb unsere Weltperspektive unbewusst bedingt, scheint der letzte Rauch einer verdunstenden Metaphysik zu sein.

Kehren wir jetzt zum Perspektivismus zurück. Ich habe als ersten Punkt der Kritik Nietzsches an der Metaphysik genannt, dass es ein ”Grundirrtum” der Metaphysik sei, dass sie das Perspektivische alles Sehens, aller Erkenntnis leugnet. Das gründet Nietzsches Meinung nach jedenfalls z.T. in der unhistorischen Denkweise der Philosophen, im Logozentrismus, wie Derrida und Klages sagen (”Sie fragen mich, was alles Idiosynkrasie bei den Philosophen ist? … Zum Beispiel ihr Mangel an historischem Sinn, ihr Hass gegen die Vorstellung selbst des Werdens, ihr Ägyptizismus”; II 957). So wie es mit dem Aufkommen der Zentralperspektive in der Kunst der Renaissance der Fall war, bezieht der Metaphysiker den Gegenstand seiner Erkenntnis, seine ”Abbildung” der Welt, auf einen Punkt auberhalb der Welt, auf ein jenseitiges Zentrum, von dem aus er die Welt sub specie aeternitatis von dem Gesichtswinkel der Ewigkeit her, theoretisch-kontemplativ betrachtet. Diese absolute Universalperspektive ist aber eine ”Verfälschung” dessen, was wir unter ”sehen” verstehen; der Metaphysiker täuscht sich, wenn er glaubt, dadurch einen Einblick in die ”wahre Welt”, eine absolute ”Evidenz” zu erreichen, denn er findet letztendlich nur seine eigenen Projektionen wieder. Er ”erdichtet”- erfindet oder konstruiert – selbst unbewusst und ohne Mitwirkung seiner Vernunft die identischen Idealfälle, die Begriffssprache, mit deren Hilfe er die Welt auslegt, um sie berechnen zu können und verständlich – sinnvoll – erscheinen zu lassen. So ist die Realität in Schein verwandelt, und diese Täuschung, diese ”Falschmünzerei”, wird für wahres Geld, für absolute Wissenschaft ausgegeben. Es leuchtet ein, dass mit dem Ende der Metaphysik, mit dem ”Tode Gottes”, die Schatten des Nihilismus über die Erde fielen – wenigstens nach dem Urteil des Philosophen. Ohne die Metaphysik gibt es keinen ersten Grund, keinen letzten Zweck mehr. Nietzsche deutet die Sache umgekehrt. Es bleibt aufgabe des zukünftigen Philosophen, die Metaphysik als maskierten Nihilismus, als geschminkten Pessimismus, als kraftlosen Eskapismus, als asketische Lebensverneinung usw. zu entlarven – als den letzten Rauch einer verdunstenden Realität. Nur so gebe es noch eine Hoffnung auf eine neue Perspektive, eine Perspektive, die zugleich ”ästhetisch” ist, weil sie den ”dichterischen” Charakter der ”Kunst des Interpretierens” ernst nehme – eine ”Artisten-Metaphysik”, die das Dasein und die Welt ”ästhetisch rechtfertige” (denn moralische Rechtfertigung und metaphysische Théodizee hätten sich nun als Nihilismus erweisen). Nur so werde es zu einer neuen Wertsetzung kommen, die lebensbejahenden Werte eines neuen Menschen, des Übermenschen, d.h. des Menschen, der – von seinen ”Pöbelinstinkten” befreit – nun stark und gesund den Nihilismus und das Ressentiment siegreich überwunden habe usw. usf. – Nietzsche (und Zarathustra) jauchzen verzweifelt.

Ich habe auf den Zwiespalt (und die Widersprüche) in Nietzsches Denken und in seiner Person mehrfach hingewiesen. Seine ”Interpretationen” sind häufig sehr einseitig, seine Argumente oberflächlich, seine Angriffe schwankend, sein Stil oft aufgeblasen und manieriert und seine ”Prophezeiungen” grässlich, wenn er als ’der grosse Dichter’ posiert. Lange Zeit wurde er kaum unter die Philosophen gezählt. Nun ist er seit einhundert Jahren tot – auch er – und scheint heute in mode gekommen. Wieso denn? Wir sind schon lange mit Gedanken wie dem von den unbewussten Motiven unseres Denkens und Wollens vertraut, uns sind Ideologiekritik, Sprachanalytik und Dekonstruktion schon bekannt, viele von Nietzsches kritischen Leitmotiven – eins erschütternd – sind beinahe gang und gäbe geworden. Etliche Philosophen der Postmoderne berufen sich auf ihn. Ist er, ”der Unzeitgemässe”, endlich einmal zeitgemäb geworden?

Als ein Beitrag zur Modernitätskritik ist Nietzsches Philosophie ohne Zweifel aktuell. Er hat selbst einmal seine Schriften ”eine Schule des Verdachts” genannt (I 437). In eine Schule des Verdachts gingen auch Männer wie Kierkegaard, Feuerbach, Marx, Schopenhauer und Freud, überdies viele anderer Denker, die die Gegenwart beeinflusst haben, aber als ihr Schulmeister sei als erster Sokrates zu nennen. Gadamer hat einmal geschrieben, dass ”wer philosophiert, mit den Vorstellungen seiner Zeit grundsätzlich nicht einig <sei>”. Paradoxerweise scheint also eine Philosophie am meisten dort aktuell, wo sie eben ”unzeitgemäss” ist. Das radikale Infragestellen von allem, was bisher als einleuchtende Wahrheit gegolten hat, ist ein Merkmal der Philosophie. Die Zwiespältigkeiten in Nietzsches Denken, auf die ich hingewiesen habe, scheinen auch Zwiespältigkeiten in der Spätmoderne zu sein. Die Transparenz der Welt scheint verlorengegangen, die Eindeutigkeit unserer Weltauslegung ist hinfällig geworden und scheint ihre Autorität eingebüsst zu haben. Wenn dem so ist, wenn es also mit der Ewigkeitsperspektive der Metaphysik, der allumfassenden und alles zusammenfassendenZentralperspektive zu Ende ist, dann bleibt nur noch der Perspektivismus, d.h. die vielen endlichen Sonderperspektiven. Nietzsche sieht ein, dass wir unter Endlichkeitsbedingungen stehen müssen (übrigens auch ein Leitmotiv in Heideggers Denken). Ich kehre deshalb nochmals zu dem Perspektivismus zurück, indem ich mit drei Fragen anfange:

1)      Worin besteht der perspektivische Charakter unserer ”Optik”?

2)      Sind alle Perspektiven gleichermaben gültig, oder ist eine Perspektive den übrigen vorzuziehen? Sofern dies der Fall ist, worauf beruht denn der Vorzug?

3)      Was ist für eine Perspektive, für eine besondere Interpretation bestimmend?

Die erste Frage kann hier nur kurz berücksichtigt werden. Das Wort ”Perspektive”stammt aus dem Bereich des (sinnlichen) Sehens (lateinisch spectio, ”ich sehe”), und genau so, wie wir bei der Beobachtung eines Gegenstandes, z.B. dieses Buches, immer nur eine Seite davon wahrnehnem, nie aber den ganzen Gegenstand in seiner räumlichen Totalität, genau so verhält es sich mit dem ”intellektuellen” Sehen. Es ist wichtig sich klarzumachen, dass Nietzsche damit nicht ein willkürliches ”Übersehen” von diesem oder jenem am Erkenntnisgegenstand meint, sondern es als einen Grundzug alles Sehens und Verstehens betrachtet. Das Auge sozusagen einem Scheinwerfer ähnlich: nur das, was im Moment beleuchtet wird, tritt klar hervor und kann (ein-)gesehen werden. In ähnlicher Weise sind unsere Weltauslegungen stets von einem bestimmten Punkte aus gesehen (und, wohlgemerkt, von einem Punkte innerhalb der Welt und nicht, wie der Metaphysiker glaubt, auberhalb derselben). Auberdem betrachten wir den Gegenstand in einer besonderen Richtung: die Hinsicht oder der scopus <spatlat. für die Sicht, das Ziel, auf das man sciebt>. Dieser scopus, der für das Sehen (mit)bestimmend ist, wird aber nicht eigens observiert (es sei denn, dass es in einer ”reflexiven” Blickwendung geschieht); so gibt es auch in einem überführten – metaphorischen – Sinne ”hinter” jeder Hinsicht eine Rückseite – und eine Hinterabsicht. Daraus geht hervor, dass Nietzsche, wenn er seine ”Optik” wechselt, die Rückseite einer Sache zu beleuchten sucht. Das wird für seinen Schreib- und Denkstil bestimmend; ich führe nur ein einfaches Beispil an, einen kurzen Aphorismus aus Die fröhliche Wissenschaft: ”Die Langsamen der Erkenntnis meinen, die Langsamkeit gehöre zur Erkenntnis” (II 153). Hier hat sich die Perspektive umgekehrt: ”die Langsamen” haben, ohne es zu wissen, ihre Selbstbegrenzung in die Sache hineinprojiziert und als Seinsbestimmung, als ”Tatsache” gedeutet.

Was die zweite Frage betrifft, so ist es üblich geworden, Nietzsches Perspektivismus als einen extremen Relativismus zu interpretieren, vom Typus ”Eine Meinung ist so gut wie die andere”, ”Alles ist egal” u.dgl. Ich finde, dass diese Deutung sich schwer mit den Texten verträgt, oder – vorsichtiger ausgedrükt – wenne man Nietzsches Texte als verschiedene mögliche Deutungen der Sache liest und nicht als eindeutige, feste Antworten – Nietzsche ”experimentiert” mit der Wahrheit! – dann wird es m.E. klar, dass es darunter Belege gibt für eine nicht-relativistische Interpretation seiner Perspektivenlehre. Ich führe hier nur eine einzelne Textstelle an, die sich unter den Entwürfen zu dem geplanten Grobwerk Der Wille zur Macht befindet:

Es sind nicht unsere Perspektiven, in denen wir die Dinge sehen, aber es sind Perspektiven eines Wesens nach unserer Art, eines grösseren. in dessen Bilder wir hineinblicken”. (UW 287f)

Wie? Ist Nietzsche ein Anhänger der augustinischen Illuminationslehre geworden, nach der der Metaphysiker alles im Lichte einer göttlichen Intelligenz sieht? Ich denken nein. Gesagt wird, das nicht wir es sind, die unsere Perspektive wählen. Von einer Wahl kann wohl kaum die Rede sein, sofern wir darunter eine bewusste Entscheidung zwischen mehreren vorliegenden Alternativen verstehen. Freilich kann von einer Wahl gesprochen werden, wenn ich mich z.b. bei einem Theaterbesuch entschliebe, das Stück nicht durch politische oder moralische ”Perspektiven” zu beurteilen, sondern es nur ”ästhetisch”zu bewerten. Von all dem ist aber hier nicht die Rede. Nietzsche scheint nur zu behaupten, dass die Grundperspektiven schon vorliegen, ehe wir ”in”sie hineinblicken. Das ”gröbere Wesen”, das ”unserer Art” ist und das für unsere Blickrichtung und Sichtweite verantwortlich ist, mag trotzdem ein Wille sein – ein Wille zwar, der ”gröber” ist als der Wille, der uns bezeichnet, also der Wille zur Macht. Nietzsche nennt an anderer Stelle bündig diesen Machtwillen ”eine Kraft zur Interpretation” und spricht in seinem Nachlass von dem ”Interpretieren selbst, als eine<r> Form des Willens zur Macht” (III 487). Schopenhauers Grundgedanke, dass unsere bewussten Vorstellungen von der Welt nur Äuberungen – ”Interpretationen” – des ”blinden” (unbewussten) Willens sind, ist Nietzsche selbstverständlich hinreichend bekannt gewesen, obwohl er den Begriff ”Willen” anders interpretierte. Wir ”rationalisieren”erst später unsere Auslegungen der Welt ”mit hinterher gesuchten Gründen”. Das stimmt mit der Auffassung Nietzsches überein, dass die Vernunft immer nur ein Werkzeug sei, das im Dienste des Lebens (also des Machtwillens) arbeite. Wenn dies der Fall ist, dann gibt es eine Möglichkeit, unsere Perspektivirungen beurteilen zu können, obgleich nicht in Bezug auf ihre ”Wahrheit” im üblichen Sinne, sondern in Bezug auf ihren Wert für das Leben (”Der Wert für das Leben entscheidet zuletzt”). Das Kriterium für diese Beurteilung unsere ”Täuschungen”über die Welt wäre dann existenziell – ob eine Fiktion ”nützlich” ist oder ob sie das Leben ”bejaht” (fördert) oder ”verneint” (hemmt) oder ob sie unser ”Machtgefühl” steigert (z.B. III 919): so wie es Nietzsche zufolge,bei den Projektionen, die wir ”Liebe” nennen, der Fall sei; oder auch bei dem Umstand, wie viel wir in eine Interpretation aufzunehmen – zu ”assimilieren” – imstande sind. Es handelt sich also um eine Art Integrationskriterium, etwa wenn wir von einer engeren oder weiteren, kürzeren oder längeren Perspektive reden. Problematisch ist aber dabei vor allem, dass Nietzsche in all dem sehr vage formuliert. Ich füge nur noch hinzu, dass seine eigenen kritischen Perspektivierungen wertlos wären, wenn sie jeder anderen vergleichbar wären – der Perspektivismus ist kein Beispiel von mablosem Relativismus.

Hiermit folgt die Antwort auf meine dritte Frage ungefähr von selbst: bestimmend für unsere Perspektiven sind vor allem die Affekte und der ihnen zugrunde liegende Wille zur Macht, mithin nicht die ”reine” Vernunft und ihre angeblich ”absolute” Erkenntnis. Sind die Affekte ihrem Ursprung nach aktive Affekte, d.h. erregen und verstärken sie unsere ”Lust am Leben”, dann sind ihreAuslegungen mehr wert als die der Affekte, die überwiegend reaktiver Art sind, d.h. solche ”Ressentiments”, die auf Neid, Zorn, Groll, Mitleid, Furcht usw. beruhen, und die – laut Nietzsche – hinter den moralischen Weltauslegungen stecken. Die verschieden Perspektiven können somit (wie ich finde) wenigstens ihrer Art nach unterschieden werden, sind aber darin identisch, dass sie alle nur Weltdeutungen und keine absoluten ”Wahrheiten” sind. Sie können m.a.W. von ihrem spezifischen scopus nie gelöst werden und als Metaphysik auftreten.

Ich möchte noch auf eine Interpretationsschwierigkeit hinweisen. Wir sind geneigt, den Perspektivismus individualistisch zu interpretieren, als ob jede Perspektive einer Person angehört. Wie aber, wenn eine Perspektive keine individuelle ”Optik” wäre, mit der eine Person ausgestattet wäre wie mit einer Brille? In diesem Sinne sprechen wir z.B. von einer geschichtlichen oder von einer wirtschaftlichen Perspektive, und Nietzsche redet bekanntlich von der ”Optik der Kunst” und er ”Optik der Wissenschaft” u.dgl. Eine Person mag sich für einen Perspektivenwechsel entscheiden und so eine Sache in einer anderen Hinsciht betrachten, was aber nicht zur Entscheidung stünde, wäre vielleicht der jeweilige Rahmen der besonderen Perspektiven. Die Rahmen sind uns mit einer bestimmten Perspektive gegeben, ungefähr wie der Wortschatz und die Grammatik schon vorgegeben ist, wenn ich mich dafür entschliebe, Deutsch oder Dänisch zu sprechen; individuell-persönlich sind nur der Wortvorrat und die grammatischen Kenntnisse. Aber ohne einen bestimmten scopus, ohne eine bestimmte Sicht im Auge zu haben, wäre es sinnlos zu fragen, welche von den beiden Sprache die ”richtigere” sei. Keine Sprache – auch nicht die ”logische” der Metaphysik – ist die einzig wahre, absolute Sprache der Welt. Denn alle Erkenntnis ist perspektivisch in dem Sinne, dass jede Sprache eine bestimmte, besondere Sprache ist, Inwiefern es eigentlich die Sprache selbst ist, welche die Bilder des ”grösseren Wesens” dastellen, ”in dessen Bilder wir hineinblicken”, muss eine offene Frage bleiben. Nehmen wir tentativ an, dass Nietzsche in den Bildern der Sprache tatsächlich die überindividuellen, aber nicht-universalen Perspektiven gefunden zu haben meinte, die für unsere spezifische Interpretationen bestimmend sind. Dann muss aber sofort hinzugefügt werden, dass diese Sprache eben eine Bildsprache und keine Begriffssprache im Sinne des Logikers sein muss, eine Sprache, die aus vielen bunten Metaphern, Metonymien und Anthropomorphismen entwickelt wurde, als die klugen Tiere die Erkenntnis erfanden, und an der diese sinnliche Anschaulichkeit stets und prinzipiell haftet und den Begriffen ihren Sinn verleiht. Eine Universalsprache so wie eine ”Sprache des Seins”, die alle Sonderperspektiven übergreifen (transzendieren) könne, gibt es nicht. Die metaphysische Begründung unserer Erkenntnis in einer jenseitigen (transzendenten) Welt ist hinfällig geworden.

Nietzsche hat seine Philosophie selbst eine ”Schule des Verdachts” genannt. Neues Pensum in dieser Schule ist es, dass sich der Verdacht des Philosophen auch und gerade gegen die Philosophie selbst richten muss. Die Philosophie ist nicht eine Erkenntnis, von der aus ein kluges Tier seine Kritik an eine Sache übt; Grundlage und Methode der Philosophie und ihrer ”Vernunft” ist längst Gegenstand der Kritik geworden. Kant, der 1781 notierte, dass die menscliche Vernunft durch Fragen ”belästigt” wird, die sie weder abweisen noch beantworten kann – gerade in Fragen der Metaphysik – warnte die Gegner der Metaphysik vor einen Rückfall in sie. Heute wird heftig diskutiert, ob die Philosophie überhaupt ohne irgendeine Metaphysik auskommen kann. Nietzsches Wille-zur-Macht-Doktrin scheint selbst einer Metaphysik ähnlich zu sein – einer ”Ersatz-Metaphysik”. Ob die klugen Tiere sich damit zufrieden stellen oder dadurch nur eine Ersatzbefriedigung erzielen (wie Freud sagen würde), diese Frage zu beabtworten überlasse ich, meine Damen und Herren, Ihnen – den klugen Tieren.

                               * * * * * * * * * * * * * * * * * * * *

Vortrag, gehalten am Nietzsche-Symposion ”Perspektivismus als Herausforderung” 20.-22. september 2000; Veranstalter Goethe-Institut Kopenhagen und Institut von Germanistik der Universität Kopenhagen.

Band- und Seitenzahl verweisen an die dreibändige Schlechta-Ausgabe von Nietzsches Werken.